Scope und Rules of Engagement (RoE) sind nicht die Formalie vor dem eigentlichen Test, sondern das Dokument, das ihn steuert. Der Scope legt fest, was getestet werden darf, die RoE, wie. Wer beides vage lässt, riskiert zweierlei: einen Test, der am realen Risiko vorbeigeht, oder eine Aktion, die einen echten Betriebsvorfall oder ein rechtliches Problem auslöst. Dieser Artikel ist das Arbeitsdokument dazu: eine Scope-Matrix, eine vollständige RoE-Checkliste mit Beispielklauseln, Stop Conditions, Deconfliction, der Umgang mit Cloud und Drittanbietern, ein Pre-Engagement-Fragebogen, die Entscheidung über Assumed Breach und ein Entscheidungsbaum für die Frage, ob eine konkrete Technik erlaubt ist.
Warum Scope und RoE über Erfolg oder Desaster entscheiden
Die Grundidee ist schnell gesagt und steht im Pentest-Leitfaden: Scope ist der Gegenstand, RoE sind die Spielregeln. Interessant wird es erst in der Umsetzung. In der Praxis entscheidet die Qualität dieser beiden Dokumente darüber, ob ein Tester effizient am Wesentlichen arbeitet oder im Unklaren tappt, ob der Auftraggeber bekommt, was er braucht, und ob im Ernstfall klar ist, wer was wann tun darf.
Aus Operator-Sicht sind Scope und RoE vor allem zwei Dinge: eine Landkarte und eine Versicherung. Die Landkarte sagt, wohin die begrenzte Zeit fließt. Die Versicherung schützt beide Seiten, wenn etwas unerwartet läuft - ein Dienst wird instabil, ein Fund ist kritischer als gedacht, oder das Blue Team hält den Test für einen echten Angriff. Fehlt diese Grundlage, wird aus einem autorisierten Test im Zweifel ein Incident mit offener Haftungsfrage.
Kein Scope und keine RoE ersetzen die wirksame Autorisierung durch den tatsächlich Berechtigten. Sie konkretisieren deren Umfang, begründen ihn aber nicht. Die rechtliche Einordnung dazu steht im Leitfaden-Abschnitt zum rechtlichen Rahmen. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.
Den Scope sauber definieren
Ein guter Scope ist explizit, nicht implizit. Alles, was nicht ausdrücklich drin steht, ist im Zweifel draußen - diese Haltung schützt vor Scope-Creep und vor dem versehentlichen Testen fremder Systeme. Gleichzeitig muss der Scope vollständig genug sein, damit der Test die relevante Angriffsfläche trifft und nicht an ihr vorbei.
Was explizit festgehalten gehört
- Konkrete Ziele: Domains, Subdomains, IP-Bereiche, Hosts, Anwendungen, API-Endpunkte, Konten.
- Ausdrücklich ausgeschlossene Systeme und Adressen, inklusive Begründung, wo sie nicht offensichtlich ist.
- Die Umgebung je Ziel: Produktiv, Staging oder dedizierte Testumgebung.
- Der Umgang mit geteilter und Drittanbieter-Infrastruktur (siehe eigenen Abschnitt).
- Die Startposition des Testers: von außen, mit Konto, aus dem internen Netz (siehe Assumed Breach).
Die folgende Matrix ist eine Arbeitsvorlage. Sie wird pro Engagement ausgefüllt und ist zugleich die Referenz, gegen die der Tester im laufenden Test jede Zielwahl prüft.
| Asset-Typ | Beispiel | In Scope | Umgebung | Hinweis für den Operator |
|---|---|---|---|---|
| Externe Domains / Subdomains | app.kunde.de, *.kunde.de | explizit je Eintrag | Produktiv | Wildcard nur mit klarer Regel für neu auftauchende Subdomains |
| IP-Bereiche / Hosts | 203.0.113.0/24 | je Bereich | Produktiv / DMZ | Eigentümer der IPs prüfen, nicht nur DNS |
| Web-App / API | REST-API v2, Admin-Portal | je Anwendung | Staging bevorzugt | Rollen und Testaccounts separat festlegen |
| Internes Netz / VLANs | Client-VLAN, Server-VLAN | je Segment | Produktiv | Segmentierungsgrenzen explizit benennen |
| Active Directory / Identity | corp.local | ja / nein | Produktiv | Domänenweite Aktionen gesondert regeln |
| Cloud-Konten / Tenants | AWS-Account 1234, M365-Tenant | nur mit Provider-Freigabe | Produktiv | Provider-Policy zwingend prüfen |
| Mobile / Clients | iOS-App, Firmen-Notebook | je Gerät | Testgerät | Backend-Scope separat klären |
| Dritt- / Shared-Infra | CDN, WAF, SaaS | i.d.R. nein | - | Nur mit Freigabe des jeweiligen Betreibers |
| Mitarbeiter (Social Engineering) | Phishing-Kampagne | nur wenn vereinbart | Produktiv | Eigene RoE, Betriebsrat/Recht beachten |
| Physischer Zugang | Standort, Serverraum | nur wenn vereinbart | Produktiv | Eigene Regeln, Ausweis / Get-out-of-jail-Schreiben |
Unbekannte und dynamische Assets
Der schwierigste Teil eines Scopes sind nicht die klar benannten Ziele, sondern die beweglichen: Wildcard-Domains, die während des Tests neue Subdomains ausspielen, Hosts hinter einem CDN, deren echte IP einem Dritten gehört, oder kurzlebige Cloud-Ressourcen. Drei Regeln helfen:
- Wildcards brauchen eine Verhaltensregel: Wird eine neue Subdomain im Testfenster entdeckt, gilt sie als in Scope, nur wenn sie dem Auftraggeber gehört und nicht ausgeschlossen ist. Im Zweifel: erst klären, dann testen.
- Eigentümerschaft vor Erreichbarkeit: Dass ein Host aus dem Scope heraus erreichbar ist, macht ihn nicht zum Ziel. Entscheidend ist, wem er gehört.
- Dynamisches explizit begrenzen: Cloud-Scopes über Konten oder Tags definieren, nicht über einzelne IPs, die sich ändern.
Was nicht im Scope steht, existiert für den Test nicht. Ein erreichbares System ist kein freigegebenes System.
Rules of Engagement im Detail
Wenn der Scope das Was ist, sind die RoE das Wie. Sie übersetzen die Autorisierung in konkrete, im laufenden Test anwendbare Entscheidungen. Eine gute RoE beantwortet jede Frage, die ein Tester sich um drei Uhr nachts stellen könnte, ohne jemanden anrufen zu müssen - und benennt genau die Fälle, in denen er trotzdem anrufen soll.
| Bereich | Was festzulegen ist | Häufige Default-Entscheidung |
|---|---|---|
| Erlaubte / verbotene Techniken | Welche Angriffsklassen sind erlaubt, welche tabu | Standardtechniken erlaubt, DoS und destruktive Tests ausgeschlossen |
| Testfenster | Erlaubte Tage und Uhrzeiten | Werktags außerhalb der Hauptlast, laute Tests nach Absprache |
| Rate Limits / Last | Maximale Intensität von Scans und Brute Force | Gedrosselt, kein aggressives Password Spraying ohne Freigabe |
| Produktivdaten | Umgang mit echten Daten, die der Test berührt | Nur so weit lesen wie nötig, keine echte Exfiltration von PII |
| Persistence | Ob und wie lange sich der Tester Zugang sichern darf | Nur dokumentiert und zeitlich begrenzt, vollständiger Cleanup |
| Social Engineering / Phishing | Ob Menschen Teil des Tests sind | Nur wenn ausdrücklich vereinbart, mit eigener Klausel |
| Physischer Zugang | Ob Standorte Teil des Tests sind | In der Regel ausgeschlossen |
| Exploit mit Absturzrisiko | Umgang mit potenziell instabilen Exploits | Nur nach Rücksprache, nicht auf Produktiv ohne Fenster |
| Gefundene Credentials / PII | Umgang mit erbeuteten Zugangsdaten und Daten | Sicher verwahren, im Bericht redigieren, nach Abschluss löschen |
| Protokollierung eigener Aktionen | Wie der Tester seine Schritte nachweisbar festhält | Zeitstempel, Quell-IP, Aktion - durchgehend |
| Meldewege kritischer Funde | Wann ein Fund nicht bis zum Bericht warten darf | Sofortmeldung bei kritischem oder aktiv ausgenutztem Risiko |
| Notfallkontakte | Wer auf beiden Seiten jederzeit erreichbar ist | Benannte Personen mit Telefonnummer, beidseitig |
| Stop Conditions | Klare Abbruchkriterien | Siehe eigenen Abschnitt |
Beispielklauseln
Formulierungen, die sich in der Praxis bewährt haben. Sie sind Muster, keine Rechtstexte, und werden an das konkrete Engagement angepasst.
| Regelbereich | Beispielformulierung |
|---|---|
| Destruktive Tests | "Denial-of-Service-Angriffe sowie Tests mit bekanntem Absturz- oder Datenverlustrisiko sind ausgeschlossen, sofern nicht im Einzelfall schriftlich freigegeben." |
| Datenumgang | "Der Zugriff auf Produktivdaten erfolgt nur im zum Nachweis notwendigen Umfang. Echte personenbezogene Daten werden nicht exfiltriert, nicht verändert und nicht über das Testende hinaus gespeichert." |
| Testfenster | "Aktive Tests gegen Produktivsysteme finden werktags zwischen 18:00 und 06:00 Uhr statt. Abweichungen werden mindestens 24 Stunden vorher abgestimmt." |
| Kritische Funde | "Wird eine kritische, aktiv ausnutzbare Schwachstelle oder ein Hinweis auf eine bestehende Kompromittierung festgestellt, informiert der Tester unverzüglich den benannten Notfallkontakt." |
| Stop Condition | "Bei Anzeichen einer Betriebsstörung, eines echten Sicherheitsvorfalls oder beim Verlassen des Scopes pausiert der Tester und nimmt Kontakt zum White- bzw. Notfallkontakt auf." |
Stop Conditions
Stop Conditions sind die vorab definierten Punkte, an denen der Tester anhält, statt weiterzumachen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern das, was einen kontrollierten Test von einem unkontrollierten Angriff unterscheidet. Entscheidend ist, dass sie vor dem Test festgelegt werden, wenn niemand unter Druck steht.
Typische Stop Conditions:
- Betriebsstörung: Ein Zielsystem wird instabil oder fällt aus - unabhängig davon, ob der Test die Ursache ist.
- Verdacht auf echten Vorfall: Der Tester findet Spuren, die auf einen realen, fremden Angreifer hindeuten.
- Unerwartet kritischer Zugriff: Ein Pfad führt unerwartet schnell zu hochkritischen Daten oder Systemen (z. B. Produktivdatenbank, Sicherungssysteme).
- Scope-Verlassen: Ein Pfad würde nur über ein System außerhalb des Scopes weiterführen.
- Dritt- oder Personenbezug: Der nächste Schritt würde unbeteiligte Dritte oder nicht freigegebene personenbezogene Daten berühren.
Zu jeder Stop Condition gehört, was danach passiert: anhalten, den benannten Kontakt informieren, gemeinsam entscheiden, ob und wie weitergetestet wird, und die Entscheidung protokollieren. Ohne diesen definierten Ablauf ist eine Stop Condition nur eine gute Absicht.
Deconfliction
Deconfliction beantwortet die eine Frage, die bei jedem ernsthaften Test irgendwann auftaucht: Ist diese verdächtige Aktivität Teil des Tests oder ein echter Angriff? Je verdeckter ein Test abläuft und je weniger die Verteidigung vorgewarnt ist, desto wichtiger wird ein sauberer Deconfliction-Prozess - sonst löst der autorisierte Test eine echte Incident Response aus, mit allen Kosten und Risiken.
Die Bausteine:
- Protokollierung: Der Tester führt ein nachvollziehbares Log mit Zeitstempel, Quell-IP und Aktion. Das ist zugleich die Grundlage für die Evidenz im Bericht.
- Benannte Test-Infrastruktur: Quell-IPs, Hostnamen oder Kennungen der Testinfrastruktur sind einem eingeweihten Kreis bekannt.
- Direkter Draht: Eine feste, sofort erreichbare Verbindung zwischen Tester und einem eingeweihten Ansprechpartner (White Team bzw. Notfallkontakt).
- Vorab-Klärung des Knowledge Models: Festlegen, wer auf Verteidigungsseite eingeweiht ist - das entscheidet, ob der SOC den Test erkennen und melden soll oder nicht.
Die Gegenseite dieses Prozesses - wie ein SOC einen autorisierten Test von einem echten Angriff trennt und wann Pre-Notification oder Allowlisting sinnvoll ist - gehört in die Verteidigungsperspektive und wird auf blue-team.net vertieft. Die tiefere Betrachtung von Knowledge Models für verdeckte Operationen steht im Red-Teaming-Leitfaden.
Drittanbieter, Cloud und SaaS
Sobald ein Ziel nicht vollständig dem Auftraggeber gehört, greifen mehrere Ebenen ineinander, die sauber zu trennen sind: die Autorisierung durch den Berechtigten der getesteten Ressource, die vertraglichen Nutzungsrechte an dieser Ressource, die aktuelle Pentesting- bzw. Acceptable-Use-Policy des Providers und - nur falls Vertrag oder Policy das vorsehen - eine zusätzliche Freigabe durch den Provider. Nicht jeder Anbieter verlangt eine individuelle Vorabgenehmigung; manche erlauben Tests eigener Kundenressourcen innerhalb ihrer aktuellen Policy ohne separate Zustimmung. Diese Policies ändern sich und sind vor jedem Engagement zu prüfen.
| Umgebung | Autorisierung / Freigabe | Besonderheit |
|---|---|---|
| Eigene On-Prem | Berechtigter der Ressource | Einfachster Fall, volle Kontrolle beim Auftraggeber |
| IaaS (AWS, Azure, GCP) | Berechtigter der Ressource; Provider-Policy beachten | Tests eigener Ressourcen oft ohne separate Genehmigung erlaubt; Tests gegen die Plattform selbst sind i.d.R. ausgeschlossen |
| SaaS (fremdgehostet) | Berechtigter der nutzbaren Komponenten; Vertrag/Policy beachten | Der Auftraggeber kann nur die Komponenten freigeben, über die er verfügen darf; gemeinsame Plattform, andere Tenants und Betreiber-Infrastruktur sind nicht automatisch umfasst |
| Managed Hosting | Berechtigter der Ressource; Vertrag/Hoster-Policy beachten | Geteilte Verantwortung, Shared Hardware; Betreiberfreigabe nur dort, wo Vertrag oder Policy sie verlangen |
| CDN / WAF vorgelagert | Berechtigter der Ressource; Policy des vorgelagerten Dienstes beachten | Tests treffen evtl. den Dienst statt das Ziel; Herkunfts-IP klären |
| Payment / PCI-Umfeld | Berechtigter der Ressource; beteiligte Stellen vorab klären | Zusätzliche regulatorische, vertragliche und organisatorische Anforderungen sowie beteiligte Stellen vorab klären |
| E-Mail-/Phishing-Infra | Berechtigter der Ressource; Mailprovider-Policy beachten | Versandregeln und Anti-Spam-Policies beachten |
Praktische Konsequenz: Shared- und Drittanbieter-Ziele gehören nicht automatisch in den Scope. Vor der Aufnahme werden Berechtigung, Nutzungsrechte und die aktuelle Provider-Policy geklärt - und dort, wo Vertrag oder Policy es verlangen, zusätzlich eine Betreiberfreigabe eingeholt. Im Zweifel gilt: erst klären, dann testen.
Pre-Engagement-Fragebogen
Ein guter Scope entsteht nicht am Verhandlungstisch aus dem Bauch heraus, sondern aus den richtigen Fragen. Der folgende Fragebogen deckt die Blöcke ab, die vor jedem Engagement geklärt sein müssen. Er dient zugleich als Protokoll: Die Antworten fließen direkt in Scope und RoE.
| Themenblock | Schlüsselfragen |
|---|---|
| Ziel & Motivation | Was soll der Test beantworten? Gibt es einen konkreten Anlass (Audit, Vorfall, Release, Compliance)? |
| Scope & Assets | Welche Systeme, Anwendungen, Netze und Konten gehören dazu? Was ist ausdrücklich ausgeschlossen? Wem gehören die Ziele? |
| Technik & Grenzen | Welche Techniken sind erlaubt, welche tabu? Social Engineering? Physischer Zugang? DoS? |
| Betrieb & Zeiten | Produktiv oder Test? Welche Testfenster? Welche Systeme sind besonders empfindlich? |
| Zugänge & Startposition | Von außen, mit Konto oder aus dem Netz? Werden Testaccounts, VPN oder ein Startzugang bereitgestellt? |
| Daten & Compliance | Welche Daten können berührt werden? Gibt es regulatorische Vorgaben (PCI, Gesundheitsdaten, Betriebsrat)? |
| Notfall & Eskalation | Wer ist Notfallkontakt auf beiden Seiten und jederzeit erreichbar? Wie werden kritische Funde gemeldet? |
| Autorisierung | Wer gibt den Test schriftlich frei, und ist diese Person dazu berechtigt? Sind Drittanbieter-Freigaben nötig? |
Assumed Breach und Knowledge-Entscheidungen
Eine zentrale Scope-Entscheidung wird oft unterschätzt: Von welcher Ausgangslage startet der Test? Die Perspektiven Black, Grey und White Box beschreiben, wie viel der Tester weiß, und sind im Leitfaden grundlegend erklärt. Hier geht es um die praktische Entscheidung, welche Ausgangslage welches Ziel am besten mit dem verfügbaren Budget erreicht.
| Startposition | Was sie prüft | Tradeoff |
|---|---|---|
| Black Box (extern) | Auch die Aufklärungs- und Perimeterhürde aus Angreifersicht | Realistisch, aber zeitaufwendig; tiefe interne Lücken bleiben bei knappem Budget evtl. unentdeckt |
| Grey Box | Interne Angriffsfläche mit etwas Vorwissen oder einem Standardkonto | Guter Kompromiss aus Realismus und Abdeckung |
| Assumed Breach | Alles nach dem Erstzugang: Rechteausweitung, Lateral Movement, Ausbreitung | Spart die Perimeterphase, prüft gezielt die Innensicht; setzt einen bereitgestellten Startzugang voraus |
| White Box / Config-Review | Höchste Abdeckung pro Zeit, inkl. Konfiguration und Quellcode | Weiter weg vom realen Angreiferbild, hängt an der Dokumentationsqualität |
Die pragmatische Wahl ist oft Assumed Breach, gerade bei internen und Active-Directory-Tests. Assumed Breach unterstellt einen bereits erfolgten Initial Access, damit die verfügbare Testzeit gezielt auf Post-Compromise-Verhalten, Privilege Escalation, Credential Access und Lateral Movement verwendet werden kann, statt einen großen Teil des Budgets an der Perimeterphase zu binden. Wer dagegen die Erkennung der Perimeterphase oder die Außenwirkung testen will, wählt bewusst Black Box. Wie viel die Verteidigung über den Test weiß, ist davon unabhängig und wird separat als Knowledge Model festgelegt.
Entscheidungsbaum: Ist diese Technik im Scope erlaubt?
Im laufenden Test stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Darf ich diesen nächsten Schritt gehen? Der folgende Entscheidungsbaum fasst die Prüfung zusammen, die ein Operator dabei durchläuft - von oben nach unten, beim ersten Nein oder kritischen Ja wird angehalten.
Typische Fehler
- Vager Scope: Unklare Grenzen führen entweder zu Lücken oder zu Scope-Creep in fremde Systeme.
- Autorisierung nicht schriftlich dokumentiert: Für professionelle Pentests sollte die Autorisierung vor Testbeginn schriftlich festgehalten werden - das schafft einen belastbaren Nachweis über Berechtigung, Scope, Methoden und Rahmen und schützt beide Seiten bei späteren Unklarheiten.
- Autorisierung vom Nicht-Berechtigten: Die Freigabe muss vom tatsächlich Berechtigten stammen, nicht von einem gutwilligen Ansprechpartner ohne Mandat.
- Cloud oder SaaS als selbstverständlich im Scope angenommen: Fremdgehostete Ziele brauchen die Freigabe des Betreibers.
- Keine Stop Conditions: Im Ernstfall fehlt die vorab getroffene Entscheidung, wann angehalten wird.
- Keine erreichbaren Notfallkontakte: Ein Notfallkontakt, der nachts nicht rangeht, ist keiner.
- Keine Deconfliction: Ohne Abgleich hält der SOC den Test für einen echten Angriff und löst eine Incident Response aus.
- Produktivtest ohne Fenster und Abstimmung: Laute oder riskante Tests zur Hauptlast stören den Betrieb und beschädigen das Vertrauen.
- Eigene Aktionen nicht protokolliert: Ohne Log fehlt später die Evidenz für den Bericht und die Grundlage für Deconfliction.
Vom Dokument in die Durchführung
Scope und RoE sind kein abgeschlossener Vorgang, sondern die Referenz für den gesamten Test. Jede Zielwahl wird gegen den Scope geprüft, jede Technik gegen die RoE, und jede Aktion wird so protokolliert, dass sie später im Bericht nachweisbar und scope-konform ist. Damit sind Scope und RoE zugleich die Grundlage für sauberes Reporting und für die Risikobewertung der Funde.
Wie der Ablauf danach weitergeht, beschreibt der Phasenteil des Leitfadens. Die zielspezifischen Besonderheiten vertiefen die Fachartikel zu Web-, API-, Netzwerk-, Cloud- und Active-Directory-Pentesting im Pentest-Bereich.
Häufige Fragen
Sollte die Freigabe schriftlich vorliegen?
Für professionelle Pentests ja: Die Autorisierung sollte vor Testbeginn schriftlich dokumentiert werden und Berechtigung, Scope, Methoden und Rahmenbedingungen eindeutig festhalten. Das schafft einen belastbaren Nachweis und schützt beide Seiten bei späteren Unklarheiten. Eine rein mündliche Absprache lässt sich im Streitfall dagegen nur schwer belegen.
Wer darf einen Test autorisieren?
Der tatsächlich Berechtigte über die Zielsysteme. Bei Cloud- und Drittanbieter-Infrastruktur kommen deren Freigaben hinzu. Ein kooperativer Ansprechpartner ohne entsprechendes Mandat genügt nicht.
Was tun, wenn im Test ein echter Angreifer vermutet wird?
Das ist eine klassische Stop Condition: anhalten, den Notfallkontakt informieren und über Deconfliction klären, ob die Spur vom Test stammt. Bestätigt sich ein echter Vorfall, übernimmt die Incident Response.
Gehört die Cloud automatisch zum Scope?
Nein. Cloud- und SaaS-Ziele gehören nur mit ausdrücklicher Freigabe dazu, und zusätzlich gelten die Pentesting-Richtlinien des jeweiligen Anbieters, die vorab zu prüfen sind.